Das kinästhetische System, propreozeptive System (Tiefensensibilität oder Bewegungs- und Lage-Sinn) nimmt über Rezeptoren an der Muskulatur die Veränderung von Muskellänge und - spannung wahr und über Gelenksrezeptoren die Lage der einzelnen Gelenksanteile zueinander, d.h. auch die Richtung der Bewegung einzelner Körperteile. Diese Rezeptoren leiten ihre Signale direkt an die betreffenden Bewegungsorgane weiter, so dass nicht nur ein differenziertes Bewegungsempfinden, sondern auch ein inneres Körper-Lage-Bild vermittelt wird. Die gesamte Bewegungsplanung, -regulierung, -abschätzung, -steuerung und -kontrolle sowie Tonusaufbau und Kraftdosierung ist von einer intakten kinästhetischen Wahrnehmung abhängig. Bei Störungen entstehen Koordinations- und Körperschemaschwierig‧keiten, eine Abhängigkeit von der visuellen Bewegungskontrolle und evtl. Dyspraxie, d.h. Schwierigkeiten innerhalb von Handlungsplanung und -durchführungen.
Wahrnehmung räumlicher Beziehungen
Wahrnehmung/Wahrnehmungsstörung
Figur- Grund- Wahrnehmung
Die verschiedenen Bereiche der Wahrnehmung, der Bewegung, der kognitiven und der sozial- emotionalen Strukturen sind eng miteinan‧der verknüpft. Sie bedingen, beeinflussen, unterstützen, kontrollieren sich gegenseitig und bauen in ihrer Entwicklung aufeinander auf. Der Bereich der Wahrnehmung umfasst nicht nur die Reizaufnahme durch die verschiedenen Sinnesorgane und Rezeptoren, wie Fühlen und Begreifen (Sensorik). Er beinhaltet auch die Verarbeitung dieser Sinnesreize (Integration), durch Aussortieren, Vergleichen, Wiedererkennen, Zuordnen, die durch Assoziation mit früheren Erfahrungen mögliche Interpretation, die Speicherung in die entsprechenden sensorischen Hirnzentren, die interne Reizsetzung durch Wunsch und Motivation bis hin zum Planen der entsprechenden Handlung, die als Reaktion in Bewegung umgewandelt werden soll, bzw. die Rückmeldung und Kontrolle über den Erfolg. "Wahrnehmung ist also eine subjektive, durch die Sinnesorgane gewonnene und im Gehirn verarbeitete Vorstellung von der Umwelt" (Bertelsmann Lexikothek, .Gütersloh 1974). Wahrnehmung ist somit die Grundvoraussetzung für jegliche motorische und kognitive Entwicklung. Wahrnehmungsstörungen sind nicht nur im Bereich der Sinnesorgane zu begreifen, sondern vor allem innerhalb der Verarbeitung. Zum Beispiel nimmt dass Auge die Reize korrekt auf, aber die Störung der Raumlage-Wahrnehmung ist in den weiterleitenden, -verarbeitenden und - vergleichenden Nervenbahnen und -kernen zu suchen. Die Störungsursache kann aber auch in anderen, sich beeinflussenden, Wahrnehmungsbereichen liegen. Das Defizit die räumliche Lage zu erkennen, wird vielleicht von einem Defizit im taktil-kinästhetischen Bereich oder im Bereich der Orientierung am eigenen Körper verursacht. Vestibuläre, taktile und kinästhetische Wahrnehmung bilden als körpernahe Wahrnehmungssysteme die Basis weiterer sensorischer und motorischer Fähigkeiten.
Das Vestibularsystem nimmt Reize über das Innenohr schon als Embryo mit Hilfe der Bogengänge und der Härchen auf. Die Flüssigkeit in den Bogengängen reagiert auf die Kopfbewegungen, besonders bei Tempoveränderungen. Die Maculaorgane reagieren auf. die Schwerkrafteinwirkung. Das Gleichgewichtsorgan bildet die Grundlage für Haltung, Bewegung, Körperschema, Anpassung an die Raumlage und die Positionssicherheit. Es hat Einfluss auf alle anderen Sinnessysteme. Es bestehen enge Verbindungen zum Kleinhirn, zur Formatio reticularis, zum vegetativen Nervensystem (z. B: Schwindelgefühl bei zu schnellen Bewegungen), zur Nackenmuskulatur (Kopfkontrolle) und zur Augenmuskulatur (Stellung des Kopfes im Raum). Störung innerhalb der vestibulären Wahrnehmung bedeutet bei Unterempfindlichkeit fehlende Gefahreneinschätzung und meist erhöhten Bewegungsdrang, bei Überempfindlichkeit dagegen Bewegungsängstlichkeit und Raumlageschwierigkeit.
Das taktile System nimmt über die Haut Schmerz, Temperatur, Druck und Differenzierung von Formen und Oberflächenbeschaffenheiten wahr. Es wird in Schutz- und Unterscheidungssystem unterteilt (nach Miske-Flemming). Das Berühren und Berührtwerden hilft bei allen Entwicklungsprozessen entscheidend mit. Außerdem ist die Bedeutung der Haut und der Berührung für den sozial-emotionalen Bereich, für Entspannung und Selbstbewusstsein als Grenze zur Umwelt nicht zu unterschätzen. Störungen innerhalb der taktilen Wahrnehmung bedeutet bei erhöhtem Schutzsystem Körperbewusstseinsschwierigkeiten und taktiles Abwehrverhalten, bei Unterempfindlichkeit fehlende Reizselektion und bei Überempfindlichkeit leichte Ablenkbarkeit.
Die visuelle Wahrnehmung beinhaltet die Aufnahme optischer Reize über die Augen, das Erkennen, das Unterscheiden und die Interpretation durch Assoziation mit früheren Erfahrungen. Sie ist in ihrer Entwicklung auf Erfahrungen aus anderen Bereichen der Wahrnehmung und Bewegung angewiesen. Sie lernt, die spiegelverkehrten und auf den Kopf stehenden Aufnahmen richtig zu interpretieren, Lücken in Bewegungsfolgen zu schließen, Informationen über alle z.T. sich überkreuzenden Eingangskanäle zu verbinden, Entfernungen zu , schätzen und bei Kopfbewegungen die Wahrnehmung der Umgebung ruhen zu lassen.
Visumotorik ist die Fähigkeit, das Sehen mit den Bewegungen des eigenen Körpers zu koordinieren z.B. Auge-Hand-Koordination, und über das Sehen die Bewegung zu kontrollieren. Störung der Visumotorik bedeutet Bewegungsunsicherheit, Mangel an motorischer Geschicklichkeit, bzw. Schwierigkeiten in der Feinmotorik, bei der Handgeschicklichkeit und beim Schreiben.
In der Figur-Grund-Wahrnehmung werden alle übrigen Stimuli zugunsten des Hauptfigur- Stimulus vernachlässigt. Diese Hauptfigur wird heraus gefiltert und betont. Es wird sich auf sie konzentriert. Störungen bedeutet Konzentrationsmangel durch Reizüberflutung. Vieles Unwichtiges wird als Gleichwertiges angesehen. Dies kann auch zu Leseschwierigkeiten führen.
Die Wahrnehmungskonstanz nimmt bestimmte Eigenschaften eines Gegenstandes (Form, Lage) unverändert und unabhängig von Größe, Farbe, Struktur, Blickwinkel, Helligkeit etc. wahr. Störungen führen zu Schwierigkeiten beim Lesen oder beim Wiedererkennen der Zuordnen ähnlicher Gegenstände in leicht abgeänderter Form.
Die Wahrnehmung der Raumlage bedeutet die Wahrnehmung der Lage eines Gegenstandes in Bezug zum Wahrnehmenden und seinem Körper (vorne, hinten, oben, unten, rechts, links ...). Sie ist in ihrer Entwicklung im besonderen Maße auf die vestibulär –taktil -kinästhetische Wahrnehmung angewiesen. Bei Störungen ergeben sich spiegelverkehrtes Schreiben, Schwierigkeit im Körperschema und der Rechts-Links-Orientierung. Das Imitieren von Bewegungen fällt schwer und verbale Anweisungen können kaum nachvollzogen werden.
Die Wahrnehmung räumlicher Beziehungen befähigt die Lage von zwei oder mehreren Gegenständen in Bezug zu sich und zueinander wahrzunehmen, z.B. beim Perlen auffädeln, Entfernungen abschätzen oder Wegen nachgehen. Bei Störungen ergeben sich Gleichgewichts- und Orientierungsprobleme. Es ist schwierig, sich in fremder oder neuer Umgebung zurechtzufinden. Das führt zu Bewegungsängstlichkeit und Handlungsplanungsinkompetenz.
Das auditive System nimmt die akustischen Reize über die Ohrmuschel auf. Die durch die Schallwellen hervorgerufene Vibration des Trommelfells wird durch die Gehörknöchelchen weitergeleitet und auf die Flüssigkeit des Innenohrs übertragen. Es erfasst bestimmte Lautkombinationen in ihrem Sinngehalt, verbindet es mit Assoziationen und speichert reproduktionsfähig ab. Es bestehen enge Verbindungen zum Vestibularsystem im Innenohr. Das auditive System schafft die Voraussetzungen für Sprachentwicklung. Bei Störungen ergeben sich Schwierigkeiten im Sprachverständnis, in der Sprachentwicklung, im Gleichgewicht, bei akustischer Differenzierung oder Lärmempfindlichkeit.
Das Riechsystem ist ontogenetisch und phylogenetisch sehr alt und als Schutzsinn notwendig. Das Riechepithel der Nase unterscheidet die gasförmigen Duftstoffe. Direkte Verbindungen bestehen zum limbischen System (Teil des Endhirns), das eine wichtige Rolle bei Lernprozessen, Emotionen und Motivation spielt.
Als Lateralität oder Dominanz wird das Vorziehen oder der geschicktere Gebrauch eines von einem Paar von Strukturen (Augen, Ohren, Hände, Arme, Beine, Füße) bezeichnet. Die Dominanz einer Körperseite ist meist ab dem 6. Lebensjahr ausgeprägt. Bei Störungen ergeben sich Schwierigkeiten in der Rechts –Links -Orientierung beim Körperschema und bei Handlungsplanung.
Das Körperbewusstsein ist das Fühlen des Körpers, das Umgehenkönnen mit seinem Körper und das Wissen über seinen Körper. Es ist wesentlich für eine normale, seelische und körperliche Entwicklung.
Körperimage oder Körperbild ist die Summe aller auf den Körper bezogenen Empfindungen: Der Körper, wie er erlebt und gefühlt wird, abhängig von persönlicher Stimmung und Umweltreaktion. Es führt zum Eigenbild und zur Selbstdarstellung.
Körperschema bedeutet die Planung und Ausführung der durch die Umgebung verlangten Handlungen und Bewegungen. Der Körper kann sich automatisch der Umwelt anpassen. Er besitzt ein Bewe‧gungs-Schema für die jeweilige Situation. Es beinhaltet das Überkreuzen der Körpermittellinie und das Koordinieren von bilateralen Bewegungen. Voraussetzung hierfür ist die intakte Korrespondenz zwischen beiden Gehirn -Hemisphären
Körperbegriff meint das faktische Wissen über den Körper und dessen Funktionen
Die Körpergrenzen, bzw. die Umrisse des Körperbildes werden über Berührung erfahren. Dieses Wissen wird in der Bewegungsplanung eingesetzt, um z.B. nicht an Material anzustoßen.
Die räumliche Orientierung baut auf Bewegungsvorerfahrung und ein ausgebildetes Körperbewusstsein, d.h. der Orientierungsfähigkeit am eigenen Körper auf. Sie benötigt die visuelle Wahrnehmung der Lage im Raum, der räumlichen Beziehung einzelner markanter Punkte im Raum zueinander und das Wiedererkennen bekannter Strukturen durch das Gedächtnis. Dies bedeutet, dass die momentane Lage und der Standpunkt im Raum erkannt, definiert, zugeordnet und in Beziehung zu früheren Erfahrungen und Wahrnehmungen gesetzt werden kann.
Motorik (Bewegung) als Gegensatz zum Stillstand ist Voraussetzung, um zu leben, um Leben zu erhalten und Leben zu genießen. Die Motorik ist notwendig, um sich gegen die Schwerkrafteinwirkung aufzurichten, aufzustehen, um auf Reize reagieren und um Gefühle ausdrücken zu können. Andererseits gibt es kaum Wahrnehmung und Gefühle ohne Bewegungskomponente.
Die Stützmotorik hat die Aufgabe, über Halte- und Stellreflexe, das Gleichgewicht des Körpers und seine Stellung im Raum zu kontrollieren. Sie wird hauptsächlich vom vestibulären und kinästhetischen System und vom Kleinhirn gesteuert. Aber auch alle anderen Wahrnehmungssysteme haben einen gewissen Einfluss.
Die Zielmotorik ist für die Ausführung zielgerichteter Bewegung zuständig. Nachdem auf grund bestimmter Wahrnehmung ein Bewegungsentwurf erstellt wurde, werden vom Kleinhirn bei schnellen Bewegungen und von den Basalganglien bei langsamen und gleichförmigen Bewegungen entsprechende Bewegungsprogramme abgerufen, über die motosensorischen Hirnrindenfelder in der Ausführung gesteuert, durch die Pyramidenbahn oder über die extrapyramidalen Bahnen zur ausführenden Skelettmuskulatur geschickt.
Tonusaufbau ist die stete unwillkürliche Anspannung bestimmter Streckmuskulatur, um sich unter der ständigen Schwerkrafteinwirkung aufrecht bewegen oder stehen zu können. Diese notwendige, ausgewogene Anspannungsebene asynchroner Einzelzuckungen vieler Muskelfasern mit niedrigen Frequenzen wird als Grundtonus bezeichnet. Spastische Muskulatur besitzt zuviel, schlaffe zuwenig Tonus.
Stabilisation meint die ausgewogene Anspannung des Körpers in seiner momentanen Position (Stehen, Sitzen ...), die erst aus dieser stabilen Lage heraus feinere und behutsamere Bewegung ohne Mitbewegung anderer Körperteile ermöglicht.
Koordination ist die Fähigkeit, das Zusammenspiel verschiedener Muskelaktivität bzw. Bewegungsmuster oder Bewegungsabläufe bei der Gehirnhemisphären und verschiedener Wahrnehmungseindrücke zu steuern. Koordination ist auch in allen biochemischen und neurologischen Prozessen zu beobachten.
Grobmotorische Koordination betrifft die Steuerung der großflächigen, raumergreifenden und basalen Bewegungen (Rennen, Springen, Gehen ...). Sie ist Voraussetzung für die Ausbildung feinerer Bewegungen.
Feinmotorische Koordination betrifft die Steuerung der' kleinflächigen, auf einzelne Körperteile beschränkten, ausdifferenzierten und höher entwickelten Bewegung. Voraussetzung für eine gute Feinmotorik ist die Geübtheit der Grobmotorik und die Fähigkeit, den übrigen Körper stabilisieren und von Mitbewegung hemmen zu können. Meist wird unter Feinmotorik Handgeschicklichkeit, Mimik und Mundmotorik verstanden.
Geschicklichkeit ist die vollständige Beherrschung der feinmotorisch koordinierten Bewegungsabläufe, auch des Gesamtkörpers, unter optimaler Auswertung der verschiedenen Wahrnehmungsstimulationen und -kontrollen.
Das Gleichgewicht wird durch die Stützmotorik gehalten, um dem Fallen durch die Schwerkraft entgegenzuwirken. Das statische Gleichgewicht wird bei verminderter, langsamer oder minimierter Bewegung verlangt; dagegen das dynamische Gleichgewicht bei großräumiger und schnellerer Bewegung.
Praxie bedeutet Handlungsfähigkeit, das heißt die Fähigkeit, seriale (aufeinander folgende oder aufbauende) Leistungen als Bewegung sinnvoll entwerfen, planen bzw. durchführen zu können. Für die Entwicklung der Praxie dienen im hohen Maße reichhaltige Erfahrungen im sensorischen und motorischen Bereich, speziell durch kinästhetische Stimulation und Reaktion, aber auch der Freiraum, selbständig Bewegung und Handlung planen und durchführen zu können. Jede Bewegung und Wahrnehmung ist an den kognitiv-sozial- emotionalen Sektor gekoppelt. Jeder seelische oder soziale Vorgang benutzt Bewegung, um sich auszudrücken, bzw. die Sensorik, um Gefühle, die Umwelt und das soziale Gefüge wahrzunehmen. Jeder kognitive Lernschritt besitzt als Vorstufe viele sensomotorischen Trainingseinheiten. Andererseits benötigt Wahrnehmung und Bewegung die zentralgesteuerten Vorgänge im Gehirn und der Hirnrinde, bei hoher Komplexität und Kompliziertheit auch entsprechende logisch oder reproduktive Leistungen.
Konzentration bedeutet die Fähigkeit, unter Ausblendung aller momentan unwichtigen Wahrnehmungsstimuli die benötigten Reize zu bündeln und zu verstärken, so dass die verlangte logische Operation bzw. die notwendige Bewegungsantwort möglichst exakt durchgeführt werden kann. Die Aufmerksamkeit ist vollkommen auf einen Gegenstand bzw. einen Inhalt gerichtet. Dieses Wahrnehmungsvermögen wird durch erzwungene Anspannung oder geballte Willensanstrengung blockiert. .
Was bedeuted der Begriff:
Begriffe der Ergotherapie verständlich erklärt
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